Nachruf auf Peter Philipp (29. 3.1924 – 23. 9. 2020)

Auch wenn ich in all den Jahren an unserer Schule nie in eine persönliche Beziehung zu Peter Philipp getreten war, gab es doch immer wieder jene kleinen Begegnungen – gefühlt fast jeden Nachmittag sah ich ihn als Schulkind durchs Fenster auf seinem Heimweg an unserem Haus vorbeigehen. In der Schule bei der Pausenaufsicht. Bei Schulveranstaltungen. Eine markante Erscheinung, aufrecht in der Haltung, mit der bestimmten Körpersprache eines Lehrers, der weiß was es heißt zu führen. 

Die klare, volltönende Stimme, welche mich durch das offene Fenster seines Klassenzimmers bis zu jenem Komposthaufen erreichte, den ich im Gartenbau zu wenden hatte. Rhythmisch, schwungvoll und sehr bestimmt wurde irgendwo das Einmaleins eingeübt. Herr Philipp führte und gab Sicherheit. 

Vor wenigen Jahren endlich – Herr Philipp hatte die Schule längst in den Ruhestand verlassen – gab mir das Leben eine erneute Gelegenheit, ihm auf anderer Ebene zu begegnen: Wir trafen uns zum Gespräch, um eine Würdigung im Ehemaligenrundbrief vorzubereiten.

Es wurde mir ein bereichernder Nachmittag, welcher den Blick auf eine bewegte Biografie frei gab, und der mir den Menschen Peter Philipp näher brachte. Der 95. Geburtstag im März gibt nun den Anlass zur Darstellung dieses Lebens.

Peter Gottfried Philipp erblickte an einem Sonntagnachmittag, dem 9. März 1924, das Licht der Welt, in einer ärmlichen Arbeiterwohnung im 4. Obergeschoss eines Hinterhauses in Magdeburg. Der Vater war ein aufrechter Proletarier – stolz nicht auf das, was er hatte, sondern was er konnte. Die Mutter war „eine Bürgerliche“, welche in der Wohnung (ganz ungewöhnlich in jenen Verhältnissen) regelmäßig ein Klavier und auch eine Gitarre ertönen ließ.
Die Fenster öffneten sich nach Osten, sie lagen über dem Rangierbahnhof, welcher die Wohnung mit dem Lärm der Dampfstöße und den Gerüchen der alten Lokomotiven erfüllte, und auch mit dem gellenden Quietschen der Bremsen. Jenseits des Rangiergeländes lockte aus der Ferne das Schimmern der Elb-Auen. 

Die Eltern hatten sich in der Wandervogelbewegung kennen gelernt. Des Vaters Hoffnung war, dass der Sohn einmal Buchhändler werde – der Beruf, der dem Vater verwehrt geblieben war. Er selber hatte es nach zwölf Jahren Militärdienst zum Feldwebel gebracht. Die Mutter hatte die Bildung einer höheren Tochter – Musik, Französisch – und ihre Meinung war, dass die Welt gute Lehrer brauchte. Ihre eigene Mutter war Lehrerin gewesen, und hätte sie nicht einen Proletarier geheiratet, wäre sie selber diesen Weg gegangen. – Unerfüllte Träume beider Eltern und deren Projektionen auf den kleinen Peter! 

Nach dem frühen Tod von Peters Großmutter hatte seine Mutter Kontakt zur Christengemeinschaft und dort Antworten auf drängende Lebensfragen gefunden. Der Vater kam schwer verwundet aus dem 1. Weltkrieg heim. Seine Erlebnisse hatten ihn zum Pazifisten gemacht, und das brachte ihm unter den Nationalsozialisten schnell den Ruf der politischen Unzuverlässigkeit ein. Für den jungen Peter war es wohl die Rettung vor dem großen braunen Verführer jener Tage.  
Später fand der Vater eine Stelle in Regensburg. Die Sehnsucht beider Eltern nach einem Leben auf dem Land ließen sie in einem Vorort wohnen, und so begann Peters Schullaufbahn 1930 in der Dorfschule. Als die Eltern in der Wirtschaftskrise alles verloren, wechselte Peter in seinem zweiten Schuljahr an eine Versuchsschule der SPD. Die Lehrer waren arbeitslose Handwerksmeister, die den Kindern vor allem handwerkliche Grundlagen beibrachten. Es gab auch eine Schülerzeitung, welche nach den Klassenstufen ihrer Leser gegliedert war. Indem Peter beim Lesen auch die „anderen“ Abteilungen aufschlug, begegnete er philosophischen Gedanken, alten Kulturen, Goethe-Gedichten, Aufsätzen älterer Mitschüler. Eine neue, geheimnisvolle, aufregende Welt tat sich auf – oft nur halb verstanden, aber sie sprach zu ihm! 

Das Leben spülte ihn nach eineinhalb Jahren an dieser „Versuchsschule“ wieder zurück in die 4. Klasse der Staatsschule. Dort waren die Lehrer keine reformerischen Idealisten sondern Kriegsveteranen, verstümmelt an Leib und Seele und gewalttätig gegenüber freieren Seelen. Was da mit ihm geschah, wurde dem Jungen klar, als ihm die vertrauten sozialistischen Lieder mit Gewalt verboten wurden. Er hatte jetzt Nazi-Lieder zu singen! 

Peter war ein eher stiller Schüler, beobachtend, zuhörend und ohne ein schnelles Mundwerk. 

Er kam in die Mittelschule. Sein Bildungsschatz bestand damals im Wesentlichen aus zehn Jahrgängen von Kosmos-Heften, welche er von jemandem „geerbt“ und sogleich verschlungen hatte. Nicht alles davon hatte er verstanden, aber es weckte seine Begierde nach geistiger Nahrung! 

Die Mutter sah, wie Peter seelischen Hunger litt und versuchte ihm beizustehen. Sie suchte seine neuen Lehrer auf, sprach auch in verschiedenen Gymnasien für ihn vor. Eine Realschule nahm ihn schließlich auf. Es war 1936, und er war 12 Jahre alt. 


Da öffneten sich, trotz aller äußeren Umstände, für Peter neue Fenster: Er bekam Religionsunterricht in der Christengemeinschaft, wurde getauft, widerstand dem Eintritt in die Hitlerjugend so lange wie es ohne Gefahr möglich schien. Sein Fähnleinführer demütigte den stillen Jungen wo er konnte, aber es gab auch Freunde, die ihn wegen seines Wissens schätzten. Er unterschied sich von den Anderen und nahm den Sinn für sein Eigensein tief in die Seele auf. 

Als er schließlich der Flieger-HJ zugewiesen wurde, traf er auf etwas kultiviertere Menschen und lernte handwerklich hinzu. 
Im Gymnasium hatte er es schwer, denn im Fach Sport war er chancenlos. Als aber sein Vater ins Sudetenland versetzt wurde, brachen bessere Zeiten an: Peter traf vor allem auf ältere Lehrer, die ihn förderten. Er liebte die künstlerischen Fächer, was ihm zwar notenmäßig wenig half, jedoch fand er zu seiner Erleichterung wenigstens einen Mitschüler, der seine Interessen teilte.

1943 wurde Peter als 19jähriger zur Luftwaffe eingezogen. Er kam dort zunächst in eine Schreibstube und begegnete dem Sohn des Leiters der theosophischen Gesellschaft Nürnbergs. Eine überaus prägende und lehrreiche, aber auch zutiefst verstörende Zeit begann für den jungen Mann. Seine wechselnden Einsatzorte führten ihn durch verschiedenste Winkel Europas, bis zu einer schweren Verwundung in Litauen. Durch glückliche Fügungen überstand er den gefährlichen Heimtransport nach Regensburg, wurde später wieder an die Front geschickt und beendete den Krieg als Gefangener der britischen Armee. Dort beteiligte er sich an einer informellen „Volkshochschule“ der Gefangenen, welche der Lagerleiter sogar mit Essenszuschlägen entlohnte.

Das Erlebnis zu unterrichten sowie seine Empörung darüber, dass die Bildung nur den privilegierten Schichten vorbehalten war, ließ in ihm den Entschluss reifen, Lehrer zu werden. Nach seiner Entlassung begann Peter Philipp seine Lehrerausbildung in Stuttgart an der Waldorfschule. Er war im Lernstoff den anderen Studenten anfangs weit hinterher und musste kämpfen, um den Anschluss zu finden. 

Dann verschlug es ihn nach Nürnberg an die erst kürzlich gegründete Rudolf Steiner-Schule. Zunächst wurde er nur zum Fachunterricht eingeteilt: Turnen, Flöten, Altsprachen (welche er sich selber erst aneignen musste!). 

Sein innerer Impuls war aber, traumatherapeutisch zu arbeiten – auch diese Not war groß nach dem Krieg – und er studierte Heilpädagogik, arbeitete in Nordengland an einer Camphill-Schule, um die Waldorfpädagogik nicht nur theoretisch, sondern praktisch zu erfahren. Nach Jahren in England fuhr er mit dem Fahrrad den ganzen Weg bis nach Arlesheim und verdingte sich den Sommer über als Bühnenhelfer am Goetheanum, wo er im Orchester Edmund Flucht kennenlernte. 
Als er jedoch von dem großen Mangel an Klassenlehrern in Nürnberg erfuhr, kehrte er dorthin zurück und vermittelte auch Herrn Flucht als Musiklehrer an unsere Schule, wo dieser später (zusammen mit Bertha Wolf) die Osterchöre einführte. Peter Philipp führte acht Jahre eine Klasse, gab in der Oberstufe auch Fachunterricht (Kunst, Erdkunde, Religion), übernahm dann hintereinander zwei verwaiste Klassen, danach wieder einen ganzen Durchgang. Später, während eines Freijahrs, verbrachte er lange Zeit in Afrika. 

Nach seiner Rückkehr empfand er seine Tätigkeit an der Schule nicht mehr so unbeschwert wie zuvor und fühlte sich dort trotz intensiver Mitarbeit am Lehrerseminar und im Baukreis immer weniger zuhause. Seine Gesundheit verschlechterte sich, und in der kollegialen Zusammenarbeit lief nicht mehr alles so harmonisch, wie man es sich eigentlich wünscht. Er trat 1994 mit 70 Jahren in den Ruhestand und widmete sich nun vor allem der Pflege seiner erkrankten Frau, aber auch der Tätigkeit in der anthroposophischen Gesellschaft.

Als er seine Schilderung beendet, ist es draußen dunkel geworden, und einen Moment lang erfüllt eine Stille den Raum. Vor meinen Augen steht eine reichhaltige, bewegte Biografie, mit geraden und scheinbar verknoteten Linien. Über Allem schimmert jene höhere Weisheit, welche sparsam eingreift, jedoch immer im rechten Moment und mit den rechten Begegnungen, und welche letztlich zum Ziel führt.

Peter Philipp hat sein Leben in die Schule hinein gegossen, und sie durfte sich im besten Sinne davon nähren und weiter wachsen. Nur ein Bruchteil dessen, was er bewirkte, kann hier genannt werden. Seine freudige Tatkraft und Hingabe hat keine glänzenden Denkmäler für sich selber erzeugt, jedoch viele dankbare, durch sein Vorbild gesegnete Schüler ins Leben entlassen und wesentliche Impulse in die Biografie der Schule eingearbeitet, welche bleiben. Ihm gelten unser herzlicher Dank, und unsere Hochachtung für die Fülle und die Qualität seines Wirkens! 

Peter Hohage

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