Dr. Livia Neri Hudert (1939 – 2022)

Es gibt Bücher, die muss man einfach noch einmal von vorne lesen, wenn man das Ende erreicht hat, weil man dann erst Zusammenhänge versteht oder Geschehnisse in einem anderen Licht sieht. Auch wenn man das Leben eines Menschen vom Ende her betrachtet, tritt vieles offenbarer oder in einem klareren Licht zu Tage.

Livia steht heute vor mir als eine unglaublich mutige, nicht unterzukriegende Frau mit einem ganz großen Herzen, deren Leben in jeder Phase von unendlich viel Liebe durchstrahlt wurde… Liebe zu dem deutschen Mann, den sie als junge Studentin kennenlernte, Liebe zur Familie, Liebe aber auch zur Arbeit, zu den Menschen, die sie unterrichtete, Liebe zur Beschäftigung mit Sprachen und Geschichte, Liebe zu ihrer Heimat Italien und deren Kultur.

Im Alter von 83 Jahren verstarb Livia Hudert nach längerer, schwerer Krankheit im November 2022 nur wenige Wochen nach ihrem Ehemann Hans Georg Hudert. Sie hinterlässt zwei Töchter Iris und Claudia mit deren Familien.

Zu ihrem 80. Geburtstag erschien im Wegzeichen 3/2019 ein Text von Elisabeth Heinermann, in dem vor allem ihre akademische Bildung an der Universität von Perugia in Latein, Altgriechisch, Geschichte und Philosophie gewürdigt und ihr Weg nach Nürnberg an die Rudolf Steiner-Schule aufgezeigt wurde. Von 1969 an übernahm sie dort den Lateinunterricht und führte die Schülerinnen und Schüler zum Latinum, das damals noch in der zwölften Klasse abgelegt werden musste, bevor man zur Abiturprüfung antreten durfte. Als diese Regelung vom Kultusministerium abgeschafft wurde, besuchten viele weiterhin auf freiwilliger Basis den Unterricht und genossen es, unter ihrer Anleitung die Welt des antiken Rom zu entdecken. Livia Hudert war auch auf den Kunstfahrten der zwölften Klassen eine begehrte, orts-, sach- und sprachkundige Begleitperson, die die Reisegruppe mit ihrer Begeisterung für Kunst und Kultur ihrer Heimat mitreißen konnte und inspirierte. Nach 33 Jahren Lehrtätigkeit ging sie 2002 schließlich in den wohlverdienten Ruhestand und freute sich, mehr Zeit für die Familie zu haben, ließ es sich aber auch nicht nehmen, die Schule bei zahlreichen Schulfesten immer wieder zu besuchen.

Neben der Lehrerin, Ehefrau und Mutter gab es aber vor allem auch noch die Schriftstellerin Livia Neri Hudert, die drei Romane geschaffen hat und die Lyrikerin, deren zahlreiche Gedichte zum Großteil unveröffentlicht blieben. Sie selbst in ihrer Bescheidenheit machte um die Erfolge dieser Bücher, auch wenn es in Italien dafür einige Preise gab, kein großes Aufheben und nannte das Schreiben nur eines ihrer Hobbys. Der erste Roman „Das Brot der anderen“ (“Il pane degli altri“), 1998 erschienen, zeichnet die Biografie der Bäuerin Bruna, die, kaum 20-jährig alles hinter sich lässt und von Italien ins Nachkriegs Deutschland auswandert, wo sie, allen Fremdheitserfahrungen und Schwierigkeiten zum Trotz, versucht Fuß zu fassen und für ihre Familie ein Halt zu sein. Auch wenn Livia betonte, dass dies kein autobiografischer Roman sei, so spiegelt sich in den Nöten der Einwanderin Bruna doch wohl einiges an Gefühlen der jungen Livia Neri wider, die grade mal 23 Jahre alt, Perugia, eine vielversprechende akademische Karriere und ihre italienische Familie zurücklässt, um ihrem Mann nach Nürnberg zu folgen. Sie muss noch einmal ganz von vorne anfangen, noch besser Deutsch lernen, versuchen, mit den reservierten Franken zurecht zu kommen, sich selbst Kochen und Haushaltsführung beibringen, was sie bis dahin überhaupt nicht interessiert hatte, und nebenbei gibt sie auch noch Italienisch-Kurse an der Volkshochschule und der Uni Erlangen.

Der zweite Roman erschien 2006 unter dem Titel „Gli occhi muti“ („Stumme Augen“) und versucht anhand von frühen Kindheitserinnerungen, Erzählfragmenten von Mutter und Großmutter, alten Fotografien und anderen zeitgenössischen Dokumenten die Geschichte der eigenen Familie meist aus der Perspektive der Mutter nachzuzeichnen und Gründe für den frühen, geistigen und körperlichen Verfall der Mutter aufzuspüren. Die Antworten sind unerwartet, oft schmerzhaft, und kreisen um die großen Fragen von Leben und Sterben.

Schließlich erschien noch 2010 der Roman „Il soldato di pietra“ (Der steinerne Soldat) von dem Livia sagte, es sei eine großangelegte deutsch-italienische Familiengeschichte vom Ersten Weltkrieg bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die den Verstrickungen von Geschichte und nationaler Politik durch die leidvollen Kriegserfahrungen und den Impulsen zu Neubeginn und Wiederaufbau nachspüren will.

Auch als Lyrikerin verfasste sie zahlreiche Gedichte, die in der Sammlung „La scatola dei bottoni“ (Die Knopfschachtel) zusammengefasst sind. Darin finden sich liebevolle, ihren Enkelinnen Alba und Aurelia gewidmete Zeilen sowie einfühlsame Naturbeschreibungen, aber auch Anti-Kriegsgedichte in harter, direkter Sprache, die damals unter dem Eindruck des Krieges im ehemaligen Jugoslawien entstanden sind und leider bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.

An das Ende des Nachrufs möchte ich Livias Gedicht „Crepusculo“ (Abenddämmerung) aus dem Jahre 1995 stellen, in dem für mich heute erschreckend und bestürzend, in der Naturbeschreibung wie eine Vorahnung ein Bild der Krankheit auftaucht und das Leid angedeutet wird, das ihr langsames Wegdämmern für sie selbst und vor allem für die Familie bedeutet haben muss. Wo aber auch etwas wie ein Trost durchschimmert, dass die Liebe stärker ist als der Tod und es ein „Danach“ geben wird.

Crepuscolo

Amo quell’ora intima e solenne, quando la sera cala sulla terra affaticata. Quando vapori d’ombra
ti avvolgono come un velo ovattato.
E le cose che vedi
non hanno più colore,
e le voci che credi di udire
non hanno più suono,
e le persone che ti vengono incontro non hanno più corpo.
Quando le prime luci che si accendono confortano il cuore sgomento.
Amo l’aere immobile e silente
senza respiro, quando l’anima è sola. Amo l’attimo ineffabile e fuggente
del trapasso, quando il cielo scolora. Amo l’ultimo bagliore di fuoco ad occidente che promette un nuovo giorno.

Settembre 1995

Und hier der Versuch einer Übersetzung:


Abenddämmerung

Ich liebe diese innige und feierliche Stunde, wenn der Abend auf die ermüdete Erde sinkt. Wenn Schattenschwaden
dich einhüllen wie ein Schleier aus Watte.
Und die Dinge, die du siehst,
keine Farben mehr haben.
Und die Stimmen, die du zu hören glaubst, keinen Laut mehr haben.
Und die Menschen, die dir begegnen,
keinen Körper mehr haben.
Wenn die ersten Lichter, die angehen,
das bestürzte Herz trösten.
Ich liebe die unbewegliche und stille Luft
ohne einen Hauch, wenn die Seele ganz allein ist. Diesen einen vergänglichen und flüchtigen Augenblick des Übergangs, wenn der Himmel seine Farben verliert. Ich liebe dieses letzte Glühen des Feuers im Westen, das einen neuen Tag verspricht.

Sibylle Lankes-Weiß (R)

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