Die Oberuferer Weihnachtsspiele

Jährlich um Weihnachten werden die „Oberuferer Weihnachtsspiele“ an den Waldorfschulen aufgeführt.

In „Spiegelungen“, der Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas findet man einen Artikel von Ferdinand Klein mit dem Titel „Erinnerungen an die Oberuferer Spiele“.

Mit Erlaubnis des Verlages können Sie den Text hier lesen.

“Erinnerung an die Oberuferer Spiele”

von Ferdinand Klein

    ZUM URSPRUNG UND CHARAKTER DER SPIELE

    Die Oberuferer Spiele können als geistiges Fluchtgepäck für die Menschen evangelischen Glaubens verstanden werden, die in der Gegenreformation vor allem aus Österreich (Steiermark, Kärnten, Tirol, Salzburg) vertrieben wurden und sich in der Nähe von Pressburg (sk. Bratislava) im Dorf Oberufer eine neue Heimat schufen. Sie hingen mit ihrem Herzen an dem Kulturgut und verpflanzten es in den neuen Lebensraum.

    Das Dorf Oberufer bestand 1890 aus 54 Bauernstellen und 33 Kleinhäuslern, um 1900 hatte es etwa 900 und um 1944 über 6.000 Einwohner. Seit 1946 trägt Oberufer den Namen Prievoz und ist heute ein Stadtteil von Bratislava.

    In Oberufer lebte die verlassene Heimat in der Erinnerung weiter. Das „Lutherdeutsche“, das heißt die lutherische Bibelsprache, wurde beibehalten, denn für die Exulanten, die im 17. und 18. Jahrhundert aus einem der Länder der habsburgischen Monarchie vertrieben wurden, waren die Spiele eine religiöse Kulthandlung.

    Das Volksschauspiel stellt eine tiefe, urmenschliche Verbindung von Kunst und Glauben dar. „Erfüllt mit Ehrfurcht vor dem väterlichen Erbe waren die Spiele für die Oberuferer Bauern immer eine ernste, heilige Sache, ein Ausdruck der Freude über das himmlische Geschenk der Weihnacht und ein Glaubensbedürfnis, die heiligen Zeiten des Christmonats in Ermangelung eines Gotteshauses durch ein Weihnachtsspiel zu feiern.“

    Vergleichenden Forschungen zufolge gehen die Spiele auf Texte aus dem 16. Jahrhundert zurück, die in verschiedenen süd- und ostdeutschen Orten gepflegt wurden. Bei seinen Betrachtungen konnte Helmut Sembdner feststellen, dass Texte von dem Meistersinger und Dichter Hans Sachs (1494–1576), der für die Reformation eintrat, teilweise übernommen worden sind. Das bestätigen inzwischen auch weitere Untersuchungen.

    Zusammenfassend ist festzuhalten: Die Menschen in Oberufer verstanden die mit religiöser Hingabe gepflegten Spiele als Verehrung Gottes. Die charakteristischen Merkmale der Spiele waren:

    • Der an den Gregorianischen Choral erinnernde Gesang der Kumpanei (Companie),
    • der streng psalmodierende Vortrag der einzelnen Darsteller und
    • die auf wenige Bewegungen abgestimmte Symbolik.

    KARL JULIUS SCHRÖER ENTDECKT DIE SPIELE

    Karl Julius Schröer, geboren am 11. Januar 1825 in Pressburg, gestorben am 16. Dezember 1900 in Wien, war ein Sohn des Direktors des Pressburger deutsch-evangelischen Lyzeums. Der wissbegierige junge Mann studierte von 1843 bis 1846 in Leipzig, Halle und Berlin Literatur- und Sprachwissenschaften und promovierte zum Doktor der Philosophie. Von 1849 bis 1851 wirkte er als Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Königlichen Universität von Pest. Schröer kehrte nach Pressburg zurück und nahm ein Lehramt an. 1861 wurde er zum Direktor der Wiener Vereinigten Evangelischen Schule am Karlsplatz gewählt und in der Gumpendorfer Kirche feierlich in sein Amt eingeführt. In Wien arbeitete Schröer auch als Schulreformer mit. Seit 1866 wirkte er hauptamtlich als Professor für Literaturgeschichte an der Technischen Hochschule in Wien. Als idealistisch gesinnter Lehrer und Forscher engagierte er sich im Geist des Humanismus für eine höhere Schulbildung“. Sein Hauptwohnsitz blieb Pressburg (Biela 3), das heute als Schröer-Haus bekannt ist.

    Schröer erforschte die deutsche Volkskultur in Ungarn und widmete sich besonders der Volksdichtung und dem Dialekt. In diesem Zusammenhang entdeckte er die Oberuferer Spiele. Er wurde als Germanist, Literaturhistoriker, Volkstumsforscher und besonders als Goethe-Forscher bekannt. 1878 war er Mitbegründer des „Wiener Goethevereins“, dessen Geschichte er 1886 herausgab. Schröer kommentierte Goethes Werke und beschäftigte sich intensiv mit der Faust-Forschung, die er in einer zweibändigen Ausgabe edierte. Zudem gab er Goethes Dramen in sechs Bänden heraus. Schröer bemühte sich um die Errichtung eines Goethe-Denkmals in Wien, das einen Tag vor seinem Tod enthüllt werden konnte.

    BESCHREIBUNG DER SPIELE

    Schröer stellte textkritische Vergleiche an. Seine Sammlungen und seine nicht vollständigen und fehlerhaft geschriebenen handschriftlichen Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert veröffentlichte er 1858 als gedruckten Text.

    Die Urfassung der Spiele aus dem Jahre 1858 befindet sich heute in der größten slowakischen Bibliothek der Kulturstiftung Matica slovenská in Martin. Das 219 Seiten umfassende Buch ist mit umfangreichen Anmerkungen, einem Namensregister, Liedanfängen, einem Verzeichnis seltener Wörter sowie mit Kommentaren und vergleichenden Hinweisen versehen. Schröers Emendationsversuche bereichern die volkskundliche, sprach- und kulturvergleichende Forschung. Ein Notenteil wurde nicht beigegeben.

    Karl Julius Schröer ließ das spätmittelalterliche geistliche Kulturgut in seiner Bühnentracht malen, „um das Treiben dieser, wie es scheint, letzten Träger einer alten volksmäßigen Bühnenkunst auch von dieser Seite der Vergessenheit zu entziehen.“ Das Bild lässt uns die sakrale Handlung der erhabenen christlichen Volkskunst erleben.

    Schröer beobachtete die Spiele, die vom 1. Advent bis zum Heiligen Dreikönig an Sonn- und Feiertagen zuerst in einem Oberuferer Wirtshaus, dann in der evangelischen Kirche oder im Saal des Gemeindegasthauses aufgeführt wurden. Er sammelte weitere handgeschriebene Texte des Spielleiters Michael Wendelin.

    Die im Oberuferer Pfarrhaus aufbewahrten Handschriften hat Pfarrer i. R. Andreas Metzl (Tübingen) auszugsweise kopiert. Aus Heft 4 wird die erste Seite, „Das Oberuferer Weihnachtsgespiel vom Jahre 1883“ – mit einem Bild des Spielleiters – wiedergegeben.

    ZUR DARSTELLUNG DER SPIELE

    Über die Aufführung im Jahre 1926/27 „unseres legendären Lehrmeisters Michael Wendelin (1861–1930)“ im Saal des Oberuferer Gasthauses Beringer, informieren zahlreiche Bilder. Wie Johann Gurka, evangelischer Gemeindepfarrer in Oberufer von 1935 bis 1942, berichtet, blieb die mittelalterliche Darstellungsweise erhalten, ganz im Gegensatz zu anderen Dörfern Oberungarns. Bis 1942/43 wurden die Oberuferer Weihnachtsspiele auch in anderen und sogar weiter entfernten Orten aufgeführt: in Deutsch-Proben (sk. Nitrianske Pravno), in der Kesmarker Holzkirche und im Wissenschaftstheater Uránia in Budapest. Die mit großer Sorgfalt gepflegten sakralen Spiele lockten viele Besucher an.

    Die Oberuferer Spiele sind in gleicher Weise wie die Oberammergauer Passionsspiele bedeutsame Denkmäler dramatischer Volksdichtung. Im Unterschied zu den Oberammergauer Spielen blieben Text, Melodie und Aufführungsstil weitgehend unverändert erhalten.

    Die ursprüngliche, liturgisch anmutende und klar vorgegebene Spielweise der Oberuferer Bauern (feierlich; Verse werden nicht gesprochen, sondern im Sington skandiert und mit einem rhythmischen Schreiten begleitet; Gebärdensprache; Handbewegungen und Aufteilung der Spieler im Raum sind festgelegt und werden von Generation zu Generation weitergegeben) erinnert an mittelalterliche Vorbilder. Die Singweise war nicht aufgezeichnet, sondern wurde mündlich und soweit wie möglich im Kern unverfälscht der jeweils nachkommenden Generation weitergegeben; immer wieder wurden jedoch neue Weisen geschaffen.

    Text, Melodie und Anmerkungen zur Darstellungsweise der Oberuferer christlichen Volksschauspiele werden in der Regel in

    • Christgeburtsspiel,
    • Paradeisspiel (Adam und Eva oder Der Sündenfall),
    • Dreikönigsspiel sowie Schuster- und Schneiderspiel (Ein Fastnachtspiel)

    gegliedert.

    DAS OBERUFERER PARADEISSPIEL

    Der Pressburger Gymnasiallehrer, Germanist und Musikpädagoge Hans Klein (1892–1973) fühlte sich durch das Oberuferer Paradeisspiel, das im Winter 1926/27 auf einer Bühne mit bemalten Kulissen dargestellt wurde, sehr angesprochen und tief bewegt. Für ihn war es kein Bühnenspiel im gewöhnlichen Sinne, sondern eine „gottesdienstliche Handlung, ein feierliches Amt. Unmittelbar fühlte man sich an die Wiege der dramatischen Kunst versetzt und sah das junge Drama aus dem Urgrunde des Religiösen erwachsen.“ Für Hans Klein gehört das Spiel dorthin, wo es seinen Ursprung hat: in die Kirche.

    Anfangs wurden die Spiele mitten in einem Saal und von Zuschauern umgeben aufgeführt. Später, als sie auf der Bühne oder in der evangelischen Kirche (erstmals 1933/34) aufgeführt wurden, bildete die Kumpanei keinen geschlossenen Kreis, sondern einen Halbkreis, der zu den Zuschauern offen war. Die Kumpanei bestand aus vier Personen, die Gottvater (Herrgott), Engel Gabriel, Adam und Eva verkörperten.

    Das Paradeisspiel begann mit dem Lied der Companie, die den Spielraum singend umschritt:

    Singen wil ich aus herzensgrund, weils gibt das ge
    müte mein, o herr, gib mirs in meinen mund, das
    komt zum lobe dein! Denn du bist doch mein Got
    red ich ân allen spot, der alle
    ding erschaffen hat und regiert nach
    seiner wohltat, nun preiset immer Gott!

    Nach genauen Anweisungen tritt die Companie als Gruppe oder in Form von rhythmisch-singenden Einzeldarstellern (Sprechgesang) auf. Die Companie singt, und es erscheint der Teufel im Paradies. Der Teufel spricht: „Ich kom herein ins paradeis geschlichen in einer schlangen weis.“ „Der Baum der Erkenntnis war auf dem Bühnenbild durch eine Fichte angedeutet, an der ein Apfel hing.“

    ZUM ERHALT DER URSPRÜNGLICHKEIT

    Bis 1942/1943 gestaltete Karl Eugen Fürst (1907–1997) die Spiele mit. Der Lehrmeister der Spiele, Michael Wendelin, diskutierte wichtige Fragen in der Wohnung seines Vaters, der in Oberufer Lehrer war. Auf diese Weise wuchs der Sohn gleichsam mit den Spielen auf, und er wirkte dann auch bei den Proben und Aufführungen im angrenzenden Schulsaal mit.

    Über die „stilgetreue Aufführungsweise des Lehrmeisters Michael Wendelin“ informiert Fürst. Wendelin hütete die „Spiele wie ein Heiligtum“. Um den Erhalt der Ursprünglichkeit des geistlichen Kulturguts Oberuferer Spiele bemühte sich Hans Klein, Gymnasiallehrer in Pressburg. Er gab das Oberuferer Paradeisspiel in ursprünglicher Gestalt heraus.

    WEITERENTWICKLUNG DURCH RUDOLF STEINER UND DIE ANTHROPOSOPHISCHE BEWEGUNG

    Rudolf Steiner (1861–1925), Schüler, Verehrer und dann Freund von Karl Julius Schröer, Begründer der Anthroposophie und der Waldorfschulen, war von den Schilderungen seines Lehrers tief beeindruckt.

    Steiner erkannte die tiefe Religiosität der Spiele, die ihm Schröer durch seine Persönlichkeit vermittelte. Er berichtete, dass ihm durch die Begegnung mit „meinem alten Lehrer und Freund, Karl Julius Schröer“ das Glück widerfahren war, mit ihm in einen geistigen Austausch zu treten. Seine Seele war „ganz in dem Leben der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verwurzelt. […] Ein idealischer Zauber ging von dieser Persönlichkeit aus“.

    Wenn Karl Julius Schröer von Goethe sprach, so lebte etwas von der verschütteten Schicht des menschlichen Daseins auf, das Ideen repräsentierte:

    Man glaubte, dass im Einzelleben des Menschen und im Völkerleben solche objektive Ideen walten. Man sah aber auch mit einer gewissen intellektualistischen Trauer den Sinn für diesen objektiven Idealismus in der europäischen Zivilisation dahinschwinden. So fühlte man sich der Wirklichkeit einer geistigen Welt gegenüber; man hielt sich an diese. Die äußere Welt nahm man als eine Art Abbild eines Geist-Waltens. Man kann Persönlichkeiten auftauchen sehen durch Vertiefung in diese ältere Zeit, die aus ihrer geistgemäßen Anschauung das Verhängnis der Folgezeit wie in einer merkwürdigen Geistesschau schildern.

    Auf Steiners Anregung hin wurden die Spiele nach dem Schröerʼschen Urtext schon 1910 in Berlin aufgeführt. Und 1915 führte Steiner Regie bei der Aufführung der Spiele in dem noch unvollendeten Goetheanum in Dornach (Schweiz).

    1919 wurden die Oberuferer Spiele mit einer von Leopold van der Pals (1884–1966) komponierten Musik „Lieder und Chöre mit Klavierbegleitung zu den von Karl Julius Schröer und anderen gesammelten deutschen Weihnachtsspielen“ begleitet. Die Musik orientierte sich an der mittelalterlichen Dichtung und Darstellungsweise, setzte aber neue Akzente.

    Steiner hatte auf die weitere Gestaltung der Spiele in zweifacher Weise eingewirkt: Er nahm tiefgreifende Änderungen im Inszenierungsstil gegenüber der dokumentierten Aufführungspraxis vor, und er änderte „manches am Text und an der Aussprache“. Es handelte sich im Grunde um eine Neueinstudierung. Bis 1938 wurden weitere Veränderungen an der ersten Auflage von Karl Julius Schröer vorgenommen. Diese Eingriffe in die Urfassung wurden von Hans Klein und Karl Eugen Fürst heftig kritisiert. Beide setzten sich für den Erhalt der ursprünglichen Gestaltung der Oberuferer Spiele engagiert ein.

    PFLEGE DER OBERUFERER SPIELE NACH 1945

    Der Adalbert-Stifter-Verein München lud die der anthroposophischen Bewegung nahestehende Morgenstern-Bühne zu einer Aufführung der Oberuferer Spiele ein, über die in der Süddeutschen Zeitung am 23. Januar 1960 unter der Überschrift 1000 Jahre altes europäisches Kulturgut“ ausführlich berichtet wurde.

    Folgende Entwicklungslinien über die weitere Pflege dieses europäischen Kulturguts können aufgezeigt werden:

    • In der Bundesrepublik Deutschland wurden die Spiele beim Karlsruher Bundestreffen der Karpatendeutschen 1953 und dann 1957 – zum Teil mit „alten Oberuferern“ – aufgeführt. Die Aufführung beim Bundestreffen am 5. Oktober 1957 wurde dokumentiert. Die Lehrmeister und Spieler hat Christian Timm beschrieben. Die Aufführung ist auch auf CD gespeichert. In gleicher Weise wie in Oberufer wurden die Spiele unter Leitung des Lehrmeisters Franz Polefka lange geprobt, bis jeder Schritt, ja jede Gebärde in Fleisch und Blut, vor allem in den Geist übergegangen war. Die Aufführungen gaben die ursprüngliche Spielweise wieder, der Text wurde im psalmodierenden Gesang vorgetragen. Die aus ihrer Heimat vertriebenen Oberuferer hingen mit Leib und Seele an ihrem Kulturgut. Sie versuchten das Erbe genauso wie ihre Vorfahren in ihren neuen Lebensraum zu verpflanzen. Die Erinnerung an die verlorene Heimat schenkte ihnen Mut und Zuversicht in ein gelingendes Leben.
    • Um die Jahreswende 1959/60 wurden an zahlreichen Orten der Bundesrepublik Deutschland die Oberuferer Spiele aufgeführt. Reinhold Netolitzky, ein Schüler Max Reinhardts und Leiter der Lübecker Bühne „Der Morgenstern“, verstand die Spiele als volkstümliches Liturgie-Mysteriendrama. Er führte die Spiele vorwiegend in Kirchen auf. Netolitzky hatte 1934 Gelegenheit, in Oberufer das Christgeburtsspiel und das Paradeisspiel zu sehen. Seine umfangreichen Notizen waren Grundlage für die Erneuerung der Spiele, die zum festen Bestandteil der Morgenstern- Bühne gehörten. Bis 1974 kam es zu mehr als zweihundert Aufführungen im deutschen Sprachraum. Die von Netolitzky inszenierten Aufführungen weichen von der ursprünglichen Darstellungsweise der Oberuferer erheblich ab, denn der Künstler Netolitzky gab den Spielen seine dramaturgischen und musikalischen Akzente.
    • Über die Aufführung in der Wichernkirche in Bad Cannstatt berichtet die Stuttgarter Zeitung am 21. Januar 1960:

    Das Spiel stellt die Geburt des Heilands dar und endigt mit dem bethlehemistischen Kindermord. Es wird getragen von einem Vorsänger, den Gestalten der Geschichte und einem Chor, der – ähnlich wie in der antiken Tragödie – erzählend oder anbetend in das Geschehen eingreift. Charakteristisch sind der Schreittanz der Spieler, das genau festgelegte Ritual ihrer Gebärden, die strenge Raumordnung, die altertümlichen Melismen (melodische Verzierungen) des Sprechgesangs. Einzelne Elemente dürften vorchristlichen Ursprungs sein. Die Sprache ist hart, urtümlich, holzschnittartig und ungemein plastisch. Alles Beiwerk wird weggelassen oder durch Symbole von kindlicher Naivität wiedergegeben. Der Zuschauer konnte sich der Gewalt dieser Verkündigung […] nicht entziehen. Ein außerordentlicher Abend! Zugleich ein bedeutsamer, keineswegs musealer Beitrag zur Geschichte des Theaters und der Musik.

    • Hans Klein fand in der Benediktinerabtei Rohr in Niederbayern eine Gemeinschaft, die die Spiele in ihrer alten Form weiterführte. 1970 konnte er das Vermächtnis über Oberufer seinem früheren Schüler, dem Abt Virgil Kinzel, übergeben, der die sakrale Spielweise als eine liturgische Möglichkeit für die Gemeinschaftsfindung erkannte. Sein Vermächtnis lautet:

    Seit ich im Winter 1926/27 die Spiele von Oberufer an ihrem Ort noch lebendig vorfand und erstmals ihre Singweise aufzeichnete, habe ich die Erforschung und Bewahrung des hohen Altertums dieser Spiele und ihrer ursprünglichen Gestalt als eine Lebensaufgabe auf mich genommen. Das Paradeisspiel habe ich 1928 veröffentlicht. Durch mich hat Reinhold Netolitzky die Spiele kennen gelernt; er hat es später unternommen, das Christgeburtsspiel in alter Form wieder herzustellen […].

    • Von 1971 an führte Netolitzky die Spiele mit Patres und Gymnasiasten mehrmals im Benediktinerkloster Rohr auf. Darüber informiert eine CD-Hördokumentation.
    • Wie mir Abt Gregor am 21. Januar 2008 mitteilte, wurde das Oberuferer Christgeburtsspiel bis 2006 im Kloster in der Urform von Geistlichen und Laien weiter gepflegt. Doch inzwischen gäbe es Besetzungsprobleme, die eine Fortführung bedrohen oder gar verhindern.
    • Die Spiele wurden 1950 von Heinz Ritter im Bärenreiter Verlag in der Reihe Bärenreiter-Laienspiele Ritter hat die zahlreichen Abwandlungen, die seiner Meinung nach Karl Julius Schröer vornahm, rückgängig gemacht und einige ausgelassene Stellen der Handschrift wieder eingefügt. Ritter schreibt im Vorwort des Oberuferer Christgeburt- und Hirtenspiels:

    Alte Verschiebungen wurden beseitigt und die ursprüngliche Form nach Möglichkeit wiederhergestellt. Andererseits habe ich natürlich da, wo die Verse des geschwisterlich verwandten Pressburger Spiels oder die Hans Sachsens besser waren, diese eingefügt oder mit ihnen ergänzt, Fremdwörter beseitigt und manche Stellen bereinigt.

    • Der Volkskundler Klaus Wilhelm Arndt schrieb mir am 25. März 2008, dass das Christgeburtsspiel ins Englische übersetzt und von Schülern der Schlossschule Salem am Bodensee 1935 in Schottland aufgeführt wurde. Auch in Australien und Japan wurde das Spiel dankend aufgenommen
    • Die Oberuferer Spiele sind fester Bestandteil des Weihnachtsprogramms der über eintausend weltweiten Waldorfschulen und heilpädagogisch-sozialtherapeutischen Einrichtungen. Im Internet kann nacherlebt werden, wie beispielsweise die österreichische sozialtherapeutische Dorfgemeinschaft Breitenfurt die Spiele alljährlich einstudiert und künstlerisch darstellt.
    • Über die Oberuferer Spiele nach Karl Julius Schröer und Rudolf Steiner, interpretiert und modifiziert aus dem anthroposophischen Menschenbild und Weltverständnis, informieren die Werke von Frederik Willem Zeylmans van Emmichoven, Matthias Karutz, Reiner Marks und Helmut Sembdner sowie das von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung 1981 herausgegebene Werk Die Oberuferer Weinachtsspiele nach Karl Julius Schröer und Rudolf Steiner. Die Oberuferer Spiele werden heute in der Waldorfbewegung weitergeführt. Ihr liegt ein christlich-humanistisches Menschenbild zugrunde, das im deutschen Idealismus, in Goethes Menschenbild und Steiners Freiheitsimpuls als „christliche Geistigkeit“ gründet.

    Ferdinand Klein wurde 1934 in Schwedler (sk. Švedlár) geboren. Er war als Heilpädagoge und Logotherapeut an den Hochschulen in Würzburg, Mainz und Reutlingen/Tübingen tätig. Zudem war er von 1992 bis 1994 Aufbaudirektor des Instituts für Rehabilitationspädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen interkulturelle und inklusive Pädagogik, Korczakpädagogik und ethische Fragen. Nach seiner Emeritierung 1997 war er vier Jahre Vorsitzender der Karpatendeutschen Landsmannschaft, Landesverband Bayern e. V., Ehrenvorsitzender des Landeverbandes Bayern und Mitglied des Karpatendeutschen Vereins in der Slowakei. Außerdem ist er Ehrenbürger der Gemeinde Schwedler; seit 2000 ist er Gastprofessor an der Comenius-Universität Bratislava (Evangelische Theologische und Pädagogische Fakultät), seit 2005 auch an der Gusztáv-Bárczi-Fakultät für Heilpädagogik der Eötvös-Loránd-Universität Budapest. Die Budapester Universität würdigte sein wissenschaftliches Werk und seine Verdienste um den Ost-West-Dialog mit der Verleihung eines „Doctor et Professor honoris causa“. Im Mai 2019 erhielt Ferdinand Klein für seine Verdienste im Landesverband Bayern der „Karpatendeutschen Landsmannschaft Slowakei“ und für sein Engagement um die karpaten-deutsche Minderheit und deren 900-jährigen Geschichte, besonders um seinen Heimatort Švedlár, sowie für sein gesellschaftliches Engagement um die Erziehungsfragen von schwer- und mehrfachbehinderten Menschen das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

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    (Quelle: https://spiegelungen.net/oberuferer-spiele – mit freundlicher Erlaubnis des Verlages)

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