Deutsch in der Oberstufe
Das Fach Deutsch wird in unserer Oberstufe im Hauptunterricht und in den Klassen 9 bis 11 zusätzlich in jeweils zwei Fachstunden unterrichtet. Während in den Fachstunden vor allem Fertigkeiten und Techniken erübt werden, die die Schüler auch einmal für die staatlichen Abschlussprüfungen benötigen werden, wie z.B. Rechtschreibung und Ausdruck und die verschiedenen Aufsatztypen wie Inhaltsangabe, Charakteristik und Erörterung, liegt das Schwergewicht in den Hauptunterrichts-Epochen auf der inhaltlichen Arbeit an Themen und Werken, die von Rudolf Steiner für die entsprechenden Klassenstufen angeregt wurden und die durch modernere Werke ergänzt und erweitert werden.. Dabei geht es aber – zumindest in erster Linie – nicht um literaturwissenschaftliche oder literaturgeschichtliche Kenntnisse, die dem Schüler vermittelt werden sollen, sondern, wie es Christoph Göpfert in dem von ihm herausgegebenen Buch „Jugend und Literatur“ (Stuttgart, Verlag Freies Geistesleben, 1993) formuliert hat, um das Aufgreifen der großen „latenten Fragen“, die der Jugendliche in diesem Alter, oft nur unbewusst, in sich trägt. Was damit gemeint ist, sollen die folgenden Ausführungen in aller Kürze anreißen.
Die neunte Klasse bedeutet für den Jugendlichen eine große Umbruchsituation auf vielen Gebieten: die Pubertät, die freilich schon wesentlich früher eingesetzt hat, hat einen gewissen Höhepunkt erreicht, die Gefühle spielen verrückt, und dies nicht nur in Bezug auf das andere Geschlecht, und alles, was einmal sicher und verlässlich schien, scheint sich in Nichts aufzulösen: die Autorität der Eltern und Lehrer, alte Freundschaften und Bindungen, vielleicht sogar das Vertrauen auf die Sinnhaftigkeit der Welt. Nun soll und muss sich der junge Mensch neu orientieren, muss statt der alten Autorität mehr und mehr Selbstverantwortung für seine eigene Lebensführung übernehmen. Wie soll das gehen?
Auf diese Thematik zielt die erste Deutschepoche der neunten Klasse ab, in der sich die Jugendlichen mit den beiden berühmtesten Dichtern Deutschlands auseinandersetzen, mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Dabei lernen sie natürlich auch deren wichtigste Werke kennen, aber das Hauptgewicht liegt doch auf den beiden Biografien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: der eine aus reichem Hause, dem materielle Dinge und auch die persönliche Freiheit nie ein Problem darstellten und der doch immer wieder in schwerste Krisen geriet, die ihn oft in die Nähe des Todes führten, und der andere, der erst in vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen und dann auf der Militärschule in denkbar schlimmster Unfreiheit aufwuchs, der sich alles hart erkämpfen musste und Zeit seines Lebens in Schulden zu ersticken drohte. Dass und wie sich diese beiden so ungleichen Charaktere, die sich nach ihrer ersten Begegnung nahezu hassten, doch einander annäherten und schließlich aus dem gegenseitigen Verständnis und dem Erkennen einer großen geistigen Gemeinsamkeit jenseits aller äußeren Unterschiede heraus eine Freundschaft schlossen, die bis zu Schillers frühem Tod 1805 dauern sollte, zeigt dem Schüler Wege auf, die ihm bisher vielleicht undenkbar erschienen, und der Blick auf diese beiden Lebensläufe mag dem Jugendlichen eine Ahnung davon vermitteln, dass ein Leben nicht eine zufällige Aneinanderreihung zusammenhangloser Ereignisse ist, sondern ein sinnvolles Ganzes, eine Ahnung vom Wirken des Schicksals, aber auch davon, wie wir mit unserem Handeln in das Leben anderer eingreifen, und von der Verantwortung, die wir damit tragen.
Die zweite Epoche der neunten Klasse ist einem ganz anderem Thema gewidmet, das ebenfalls von Steiner vorgeschlagen wurde: dem Humor. Basierend auf Jean Pauls Humorverständnis, der dem Humor vor allem die Funktion zuspricht, dass er den Menschen befähigt, sich auf einen höheren Standpunkt zu stellen und so die oft schrecklichen, bedrohlichen Seiten des Lebens mit liebevoller Ironie, auch Selbstironie, zu überblicken und damit fast schon zu überwinden, lernt der Schüler die verschiedenen literarischen Gattungen kennen, die schon seit der Antike vom Humor geprägt sind, wie z.B. die Fabel, den Witz, die Satire usw.
Auch in der zehnten Klasse geht der Deutschunterricht auf die menschenkundliche Problematik dieses Alters ein. Nun hat sich der Jugendliche innerlich oft schon ganz aus seiner Familie gelöst; nicht mehr das in einen bestimmten Zusammenhang Hineingeboren-Sein bestimmt seine Bindungen, sondern er sucht sich diese nun in seiner neu gewonnenen Freiheit selbst. Menschheitsgeschichtlich erleben wir in einem der bekanntesten mittelalterlichen Werke, das oft als das Nationalepos der Deutschen bezeichnet wurde, etwas ganz Ähnliches: im Nibelungenlied. Hier finden wir den „alten“ Helden, der sich auf die „Blutsbande“ beruft und in seiner Loyalität durch diese bestimmen lässt. Auch die unbedingte, nie durch das eigene Gewissen hinterfragte Treue zu seinem König bis in den Tod, wie sie ein Hagen zeigt, gehört zu diesem alten Heldentum, das noch aus der Zeit der Völkerwanderung stammt und damals überlebensnotwendig war. Wie gefährlich das Neue, das im Nibelungenlied heraufdämmert, werden kann, zeigt sich in der Figur das „modernen“ Helden Rüdiger von Pöchlarn, der sich frei in verschiedene Bindungen begibt und darin aufgerieben wird und tragisch zugrunde geht.
Das geradezu perverse, anachronistische Aufgreifen der alten Blut-und-Boden-Denkens durch die Nationalsozialisten kann Gegenstand der Lektüre in der zweiten Deutschepoche sein: Hier bieten sich die verschiedensten Romane an, die sich mit dieser düstersten Epoche der deutschen Geschichte befassen, wie etwa Bernhard Schlinks „Der Vorleser“, die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz oder Jurek Beckers „Jakob der Lügner“.
In die zehnte Klasse fällt auch die zweiwöchige Poetik-Epoche, die aber streng genommen dem Fach Kunst zuzurechnen ist und in der der Schüler die Formen und Gattungen der Literatur und insbesondere die Formenlehre der Lyrik kennen lernt, um diese schließlich sogar an eigenen literarischen Versuchen anzuwenden.
Die elfte Klasse greift wiederum eines der großen mittelalterlichen Epen auf, Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, der zeitgleich zur Niederschrift der Nibelungensage entstand und doch so ganz anders ist. Nun richtet sich der Blick ganz auf die Suche des Einzelnen nach seiner Bestimmung, nach seinem Lebensziel. Was auch immer der Schüler sich nach dieser Epoche unter dem Gral vorstellen mag – und in unserer so esoteriksüchtigen Welt gibt es ja heute geradezu aberwitzige Theorien, die bis in die aktuellen Thriller-Bestseller durchschlagen – er wird mit Parzival einen Weg gegangen sein, der aus der naiven, unschuldigen Kindheit durch die Wirren und Irrwege, die Parzival in der Welt durchschreitet und auf denen er auch Schuld auf sich lädt, bis zu seinem Gralskönigtum führt. Er wird dabei auch erleben, dass Parzival diesen Weg nicht alleine gehen kann, sondern Menschen braucht, die ihm zur Seite stehen. Und um selbst Gralskönig zu werden, um also sein eigenes Ziel zu erreichen, muss Parzival erst den alten Gralskönig Anfortas durch die Mitleidsfrage „Oheim, was wirret dir – Onkel, warum leidest du?“ aus seiner schweren, qualvollen Krankheit erlösen. Damit rückt die Frage nach dem Mitleid, nach unserer Verantwortung für das Wohl unserer Mitmenschen, ohne die eine wirkliche Selbstfindung unmöglich ist, in den Mittelpunkt
Auch diese Thematik lässt sich durch modernere Literatur ergänzen und wieder aufgreifen, etwa durch den Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch, in dem der junge Kommunist und Widerstandskämpfer Gregor immer mehr das Vertrauen in die Aufträge seiner Partei verliert, sich aber andererseits fragen muss, wofür er dann leben sollte. Ein Kunstwerk, die Skulptur eines lesenden Klosterschülers von Barlach, weist ihm die Richtung: Man kann auch ohne fremden Auftrag leben, wenn man sich selbst einen Auftrag gibt. Und wie bei Parzival ist dieser Auftrag ein sozialer: Gregor entschließt sich, dieses Kunstwerk und das Leben einer jungen Jüdin vor den Nazis zu retten und sein eigenes Überleben dabei hintanzustellen.
Höhepunkt und krönender Abschluss des Deutschunterrichts in der Oberstufe ist Goethes „Faust“, der in der zwölften Klasse gelesen wird, der erste Teil ganz und der zweite meist in Auszügen. Hier wird der Jugendliche mit dem Urtypus des nach Erkenntnis strebenden Menschen konfrontiert, der gleichzeitig alle Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens auskosten will. Dieser von allen bewunderte Gelehrte weiß im Grunde seines Herzens, „dass wir nichts wissen können“, und stößt immer wieder an die Grenzen seiner Erkentnis; er greift schließlich in der Osternacht zum Gift, um seinen Körper auszulöschen und als reines Geistwesen die geistige Welt zu erforschen, bis ihn die Engelschöre der Auferstehungsfeier und die sentimentale Erinnerung an die eigene Kindheit ins Leben zurückrufen – eine Szene, die neben dem „Prolog im Himmel“ in unserer alljährlichen Osterfeier für die Mittel- und Oberstufe szenisch dargestellt wird. Unzählige Fragen und Probleme, die gerade den jungen Menschen beschäftigen, sind im Faust thematisiert, wie etwa die Folgen der ungezügelten Sexualität, aus der heraus Faust nach seiner Verjüngung in der Hexenküche das junge, unschuldige Gretchen verführt und schließlich ins Unglück stürzt, aber auch die Macht der Liebe, die er schließlich doch für Gretchen entwickelt und die ihm ein viel tieferes Verständnis für die Schöpfung ermöglicht als alles Wissen.
Ganz am Schluss der Oberstufe, ebenfalls in der zwölften Klasse, haben die Schüler dann noch die Gelegenheit, sich künstlerisch mit der Literatur auseinanderzusetzen, indem sie ein Klassenspiel, also ein Theaterstück, einstudieren und auf die Bühne stellen – neben einem Musik- oder Eurythmieabschluss und den Jahresarbeiten einer der vielen Höhepunkte, die die Waldorfschulzeit abrunden.
Zur vertieften Lektüre mochte ich auf das oben genannte Buch von Ch. Göpfert hinweisen sowie auf die entsprechenden Kapitel in „Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule“, hrsg. von Tobias Richter, Stuttgart 2003. Sehr interessant erscheint mir auch der Eintrag auf den Websites der Hamburger Waldorfschulen (http://waldorfschulen-hamburg.de).
